Viel Potential an politisch Engagierten
Beitrag von: Hermann Binkert
Wenn ich gefragt werde, wie es um die Demokratie in Deutschland steht, bin ich optimistisch. Die Zahl der Wahlberechtigten, die bei Wahlen tatsächlich ihre Stimme abgeben, ist in den letzten Jahren wieder gestiegen. Die parlamentarische Demokratie funktioniert. Angebotslücken werden gefüllt. Dass es neue politische Angebote gibt, mobilisiert sowohl deren Unterstützer als auch deren Gegner. Etablierte politische Parteien verbreitern oder verengen ihr Angebot, verändern Konzepte, folgen Trends oder widersprechen ihnen. Es gibt eine gewachsene breite Zivilgesellschaft, die sich politisch einbringt oder sich das zumindest vorstellen kann. Vor über 60 Jahren betätigten sich etwa vier Prozent der Befragten aus der damaligen Bundesrepublik (inklusive West-Berlin) politisch (Schmidtchen, Fischer Bücherei, August 1965, Seite 150). Weitere elf Prozent sagten, sie würden das gerne tun. 78 Prozent waren der Meinung, das sei nichts für sie.
Heute sagen uns sechs Prozent der Befragten, dass sie sich bereits politisch engagieren. Weitere 32 Prozent können es sich zumindest vorstellen. Nicht einmal jeder Zweite (47 Prozent) sagt uns, dass er es sich nicht vorstellen könne, sich politisch zu engagieren. Die Bereitschaft zum politischen Mitdenken und Mittun ist also deutlich gewachsen. 1965 wären grundsätzlich 15 Prozent offen für eine politische Mitarbeit gewesen, weniger als jeder Dritte davon hat sich tatsächlich eingebracht. Aktuell sind 38 Prozent offen für ein politisches Engagement, aber weniger als jeder Sechste bringt sich schon entsprechend ein. Für alle Parteien und politischen Interessenverbände zeigt sich das deutlich gewachsene Potential an Bürgern, die sich vorstellen können, politisch tätig zu werden oder es bereits tun. Liegt der Anteil derjenigen, die es sich nicht vorstellen können, sich politisch zu engagieren, bei den über 50-Jährigen noch bei über 50 Prozent (zwischen 50 bis 57 Prozent), beträgt deren Anteil bei den unter 50-Jährigen unter 45 Prozent (zwischen 38 und 44 Prozent).
Die von uns Befragten haben ganz unterschiedliche Vorstellungen, welche Eigenschaften sie sich vom Nachfolger oder der Nachfolgerin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsidenten wünschen. Das Geschlecht des zukünftigen Bundespräsidenten oder der zukünftigen Bundespräsidentin ist einer Mehrheit (52 Prozent) egal. Jeder Vierte (25 Prozent) wünscht sich eine Frau Bundespräsidentin, jeder Sechste (16 Prozent) einen Herrn Bundespräsidenten. Frauen sprechen sich häufiger für eine Bundespräsidentin (36 Prozent) aus als Männer für einen Bundespräsident (27 Prozent). Je älter die Befragten, desto weniger wichtig ist ihnen das Geschlecht des Bundespräsidenten.
29 Prozent wünschen sich einen Bundespräsidenten zwischen 40 und 49 Jahren, 34 Prozent wünschen sich einen zwischen 50 und 59 Jahren. Fast zwei Drittel (63 Prozent) wünschen sich also einen Bundespräsidenten unter 60, 14 Prozent einen über 60 und 18 Prozent ist das Alter des Bundespräsidenten egal. Die Mehrheit der unter 50-Jährigen wünscht sich auch einen unter 50-Jährigen Bundespräsidenten.
22 Prozent wünschen sich einen Bundespräsidenten aus Westdeutschland, 14 Prozent einen aus Ostdeutschland, 58 Prozent ist die regionale Herkunft des Bundespräsidenten egal. Interessant ist, dass es Ostdeutschen deutlich wichtiger ist, dass der nächste Bundespräsident aus Ostdeutschland kommt (43 Prozent), als es Westdeutschen wichtig ist, dass der nächste Bundespräsident aus Westdeutschland kommt (25 Prozent).
Fast jeder Zweite (47 Prozent) wünscht sich einen Bundespräsidenten, der im politischen Spektrum eher in der Mitte verortet ist. 18 Prozent hätten gerne einen Bundespräsidenten, der rechts der Mitte, und zwölf Prozent einen, der links der Mitte verortet ist. Nur bei Wählern der Linkspartei und der AfD gibt es relative Mehrheiten für einen Bundepräsidenten links der Mitte (50 Prozent bei Linke-Wählern) bzw. rechts der Mitte (42 Prozent bei AfD-Wählern). Die Wähler aller anderen Parteien votieren absolut mehrheitlich für einen Bundespräsidenten in der politischen Mitte.
Was kann das den Parteien sagen, die geeignete Kandidaten suchen? Das Geschlecht und die regionale Herkunft des Kandidaten ist eher egal, sie oder er sollte unter 60 Jahre alt sein und sich eher in der politischen Mitte verorten. Bei Frauen gibt es eher eine Tendenz nach einer Bundespräsidentin, bei Ostdeutschen eher eine Tendenz nach einem ostdeutschen Bundespräsidenten. Was mir dabei auffällt: Unter den Namen, die bisher für die Nachfolge Frank-Walter Steinmeiers gehandelt werden, gibt es keine Kandidatinnen aus Ostdeutschland.
