Jeder Sechste nimmt Wahlumfragen nicht zur Kenntnis

Beitrag von: Hermann Binkert

Wer unsere aktuelle Sonntagsfrage im Meinungstrend ernst nimmt, entdeckt, bei allen möglichen kleinen Veränderungen von Woche zu Woche, klare Botschaften: Der Abstand zwischen AfD und CDU/CSU ist mit derzeit zwölf Prozentpunkten so hoch, dass es der Union in absehbarer Zeit sehr schwerfallen dürfte, die AfD wieder zu überholen. Beim Schielen auf den Abstand zur AfD, sollte die Union die SPD und Bündnis90/Die Grünen aber nicht übersehen. Beide Parteien liegen derzeit nur jeweils vier Prozentpunkte hinter der CDU/CSU. Der Abstand zwischen Union und AfD ist drei Mal so groß. Selbst bei den Wählern, die sich selbst in der politischen Mitte verorten, kommt die AfD nahe an die CDU/CSU heran: 26 Prozent von ihnen würden derzeit für die Union stimmen, 23 Prozent für die AfD. Unter den Wählern, die sich selbst rechts der Mitte verorten, kommt die AfD sogar auf 62 Prozent, die CDU/CSU nur auf 19 Prozent. Und selbst unter den Wählern, die sich selbst links der politischen Mitte sehen, stimmen zehn Prozent für die AfD, aber nur acht Prozent für die Union.

Jetzt könnte man einwenden, dass möglicherweise nur wenige Bürger Wahlumfragen zur Kenntnis nehmen und sie bei noch weniger Einfluss auf die Wahlentscheidung haben. Wir haben deshalb nachgefragt: Nur jeder Sechste (17 Prozent) sagt, dass er die Ergebnisse von Wahlumfragen in der Regel nicht wahrnimmt. Fast drei Viertel der Befragten (74 Prozent) nehmen sie wahr, für jeweils 37 Prozent sind sie wichtig bzw. unwichtig für die Wahlentscheidung. Für Frauen (40 Prozent wichtig zu 30 Prozent unwichtig), unter 50-Jährige (38 bis 41 Prozent wichtig zu 28 bis 32 Prozent unwichtig) und Wähler von Union, AfD, SPD, Linkspartei und BSW (42 bis 47 Prozent wichtig zu 31 bis 38 Prozent unwichtig) sind Ergebnisse von Wahlumfragen für die eigene Wahlentscheidung mehrheitlich wichtig, während sie für Männer (33 Prozent wichtig zu 43 Prozent unwichtig), über 50-Jährige (33 bis 35 Prozent wichtig zu 38 bis 47 Prozent unwichtig) und Wähler von Bündnis90/Die Grünen und FDP (29 bzw. 32 Prozent wichtig zu 45 bzw. 55 Prozent) überwiegend unwichtig sind. Dass Umfragen von der großen Mehrheit wahrgenommen werden und von sehr vielen auch als wichtig für ihre Wahlentscheidung angesehen werden, verpflichtet die Meinungsforschungsinstitute zu Seriosität und Transparenz. Auch Artikel wie dieser sollen dazu einen Beitrag leisten.

Erstmalig hat INSA einen Gerechtigkeitsindex erstellt, in dem wir zehn Gerechtigkeitsaspekte von den Aufstiegschancen bis zum Umgang mit Minderheiten abgefragt haben. Besonders stark empfinden die Befragten Ungerechtigkeiten im Steuersystem und bei der Verteildung von bedarfsgerechtem Wohnraum. Am häufigsten wird noch angenommen, dass es im Rechtssystem und beim Umgang mit Minderheiten gerecht zugeht. Deutliche Unterschiede gibt es zwischen den Altersgruppen und den Parteianhängerschaften. Steht die „offene Meinungsäußerung“ bei den Wählern der Grünen mit 61,8 Punkten auf Platz 1 im Gerechtigkeitsindex nach Wählergruppen, kommt das Thema bei AfD-Wählern mit 30,4 Punkten auf den vorletzten Platz (Platz 9). Wer „Gerechtigkeit“ zum politischen Thema machen will, muss sagen, was er wie gerechter regeln will. Alleine den Begriff in den Mund zu nehmen, überzeugt noch niemanden.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat vor kurzem gesagt, dass er nicht beliebt, sondern erfolgreich sein wolle. Wer erfolgreich ist, muss nicht zwingend beliebt sein, aber unbeliebt zu sein ist auch noch lange keine Garantie dafür, erfolgreich zu sein oder zu werden. Im Gegenteil: Der Erfolgreiche hat die Chance, beliebt zu werden.

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