
Berlin (dts Nachrichtenagentur) - Die Wissenschaftler Klaus Hurrelmann und Andrea Römmele warnen Union und SPD davor, ihre Politik zu sehr auf die älteren Generationen zu stützen.
Angesichts der zahlenmäßigen Stärke dieser Wähler sei es kurzfristig zwar rational, sich an deren Interessen zu orientieren, schreiben die beiden Hertie-School-Professoren in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS). Doch langfristig drohe den Parteien so, die Bindung an die nachwachsende Generation zu verlieren.
"Was den etablierten Parteien heute noch Mehrheiten sichert, kann sie morgen die Zukunft kosten. Das ist die demographische Falle der deutschen Parteiendemokratie", warnen die Politikwissenschaftlerin Römmele und ihr Kollege Hurrelmann, der viele Jahre lang an der Shell-Jugendstudie mitwirkte.
Die Jugendproteste in mehreren europäischen Ländern und die Wahlergebnisse der vergangenen Jahre bezeichnen die beiden Forscher als "Warnsignale" für die etablierten Parteien. "Vor allem die AfD und die Linke haben es geschafft, erhebliche Teile der jungen Generation anzusprechen", schreiben Römmele und Hurrelmann in der FAS. "Beide Parteien formulieren klare Botschaften, versprechen grundlegende Veränderungen für bessere Lebensbedingungen und setzen gezielt digitale Kommunikationsformen ein."
Die Wissenschaftler heben hervor, dass sich die enttäuschte Jugend nicht grundsätzlich von der Politik abwende. Sie suche vielmehr nach politischen Angeboten, die ihre Sorgen aufgriffen. Eine Generation, für die Krise der Normalzustand sei, lasse sich aber nicht mit allgemeinen Fortschrittsversprechen vertrösten: "Gefragt sind konkrete Antworten auf existenzielle Zukunftsfragen."
Wenn CDU, CSU und SPD ihre politische Führungsrolle behalten wollen, dann müssen sie sich Hurrelmann und Römmele zufolge grundlegend ändern, "und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt". Die etablierten Parteien müssten dafür ihre politischen Prioritäten verschieben und die langfristigen Lebensperspektiven der jungen Generation zum Maßstab ihrer Politik machen: "Bezahlbares Wohnen, realistische Wege für einen Vermögensaufbau, eine zukunftsfähige Bildung und Ausbildung, eine faire Verteilung der Rentenlasten, Klimaschutz und der verantwortungsvolle Umgang mit Künstlicher Intelligenz gehören in das Zentrum ihrer Programme."
Außerdem, so die beiden Forscher, müssten junge Menschen in den Parteien Macht erhalten. "Junge Mitglieder dürfen nicht länger nur Wahlplakate kleben oder als dekorative Vertreter ihrer Generation auf Podien sitzen", schreiben Hurrelmann und Römmele. "Sie müssen dort mitentscheiden, wo Programme geschrieben, Kandidaturen vergeben und politische Kompromisse ausgehandelt werden." Die größte Herausforderung liege für die etablierten Parteien darin, sich selbst zu verändern, heißt es in dem FAS-Beitrag: "Dazu müssen diejenigen, die seit Jahrzehnten die Macht ausüben, bereit sein, einen Teil dieser Macht abzugeben."